Sonderausstellungsfläche

27. Oktober 2022 – 15. Januar 2023


Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge waren 2018 über 70 Millionen Menschen auf der Flucht.  Die Bedeutung von Flucht und Migration als allgegenwärtiges Thema war selten so prägend wie in diesen Tagen – mit der gewaltsamen Abwehr Geflüchteter an der Außengrenze der EU, Debatten über das Recht auf Asyl und seine Aussetzung, rechtspopulistischen Parteien und rassistischen Morden in Deutschland sowie, dagegen, Solidarität mit und Selbstorganisation von Geflüchteten als Alltag der Migrationsgesellschaft.

Blick in die Ausstellung. Zwei große Bilder von stark benutzen Schuhen hängen im Raum.
Foto: Forum Wissen

Die Ausstellung „Moving Things. Zur Materialität von Flucht und Migration“ interessiert sich dafür, was hinter den Zahlen, den aufgeheizten Debatten und medialen Bildern steckt. Sie fragt, welche individuellen Geschichten, Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen Menschen an ihr – im wörtlichen Sinne – bewegtes Leben knüpfen. Dabei nähert sie sich den Themen Flucht und Migration über ein aktuelles BMBF-gefördertes Verbundforschungsprojekt zur Sprache der Objekte.

Welche Rolle spielen Dinge im Kontext von Flucht und Migration? Wieviel Menschenwürde steckt in einem Smartphone oder einem Paar Schuhe? Was bedeuten diese und andere Dinge für den oder die Einzelnen? Wie werden Objekte zu Trägern von Bedeutung? Auf welche Art und Weise vermögen sie zu irritieren und andererseits zivilgesellschaftlichen Dialog zu ermöglichen?

Die zentrale These ist, dass die Schutzwürdigkeit von Leben und Menschenwürde, aber auch Status- und Identitätszuweisungen sowie Emotionen untrennbar mit materiellen Dingen verbunden sind. Beleuchtet und vermittelt wird vor diesem Hintergrund die Rolle materieller Kultur und ihre Repräsentation im Kontext von Flucht und Migration sowie den damit einhergehenden gesellschaftlichen Entwicklungen. Ziel der Ausstellung ist es, über die Erforschung und Vermittlung der materiellen Dimension menschlicher Existenz einen Beitrag zum besseren Verständnis von Flucht und Migration zu leisten.

Die Ausstellung ist forschungsbegleitend, forschungsvermittelnd und selbst dezidiert experimentell angelegt. Sie folgt einem offenen, vernetzten und nicht-linearen Prinzip. Entsprechend gibt sie keine fixe, etwa chronologische Betrachtungsweise vor, sondern überlässt es den Besucher*innen, womit sie die Betrachtung beginnen möchten, an welcher Stelle sie Vertiefungen wünschen und welche Verbindungen sie selbst erkennen. So wird sie individuell erfahrbar und punktuell erweiterbar. In diesem Sinne verräumlicht sie auch die assoziative Struktur der Forschungswebsite www.materialitaet-migration.de, generiert sich aus dieser und entwickelt deren Prinzip weiter.

Weil Objekte als Fokus des Gesamtprojekts verstanden werden, sind sie auch Ausgangspunkt der Ausstellung. Die Basis bilden dabei Funde und Befunde aus aktuellen ethnographischen Forschungen im Grenzdurchgangslager Friedland, das 1945 gegründet wurde und als aktive Erstaufnahmeeinrichtung noch heute Ort vielfältiger Migrationen ist. Sie werden flankiert durch Objekte aus den Sammlungen des Museum Friedland sowie weitere, der Forschung folgend, über Friedland hinausgehende Dinge. Künstlerische Positionen, die in Kooperation mit dem Kunstverein Göttingen ausgelotet und ausgewählt werden, treten mit diesen in Dialog.

Im Zentrum der Ausstellung stehen ausgewählte Leitexponate, die sich im Forschungsprozess als besonders vielversprechend, da vielschichtig und vielstimmig, herauskristallisiert haben. Ausgehend von diesen werden verschiedene Bedeutungsebenen, Assoziationen und Verweise ausgebreitet. Hierbei ist unter anderem ein multimedialer Ansatz heranzuziehen, welcher die unterschiedlichen Perspektiven anhand von Film-, Ton- und Bildmaterialien sichtbar werden lässt. Während die Anzahl der ausgestellten Objekte im Vorfeld festgelegt wird, können die ihnen angefügten Materialien oder Assoziationen (auch) durch die Besucher*innen ergänzt werden.

Die Ausstellungsgestaltung setzt auf modulare Aufbauten, die nach Bedarf umgestaltet werden können (etwa von Ausstellungsdisplay zu Podium, von begehbaren Elementen zu Sitzbereichen u.a.). Im Rahmen der Ausstellung entstehen so flexibel nutzbare Flächen, um die Räumlichkeiten auch als Veranstaltungsort im Sinne eines aktiven Begleitprogramms nutzbar zu machen.

In einem forschungsbegleitenden Dialog mit Wissenschaftler*innen der Universität Göttingen trägt die Ausstellung auf innovative Weise dazu bei, einerseits akademisches Wissen zu übersetzen. Andererseits möchte die Ausstellung mittels dinglicher Affekte Fragen aufwerfen und zivilgesellschaftliche Dialoge ermöglichen, die wiederum selbst Forschungsgegenstand werden können. Die Ausstellung ist dabei das kollektive Ergebnis aus Forschung, Lehre, Gestaltung, Vermittlung und Reflexion und soll ihrerseits Anstöße für die weitere Befassung geben.

Die Ausstellung ist aus dem Forschungsverbund „Zur Materialität von Flucht und Migration“ hervorgegangen. Verbundpartner*innen: Institut für Ethnologie der Georg-August-Universität Göttingen, Museum Friedland und Die Exponauten, Berlin.

Gefördert durch: